Public Diplomacy in Washington (Speech in German)

07.04.2016

Speech by Ambassador Martin Dahinden, Ambassador of Switzerland to the United States of America

at ETH Zürich, Zürich, Switzerland

Public Diplomacy in Washington

Speaker: Ambassador Martin Dahinden

Es gibt für Diplomaten kaum ein faszinierenderes Gelände als Washington. Die USA sind politisch, wirtschaftlich, technologisch und militärisch unbestritten die bedeutendste Macht und werden es in absehbarer Zeit auch bleiben. Das politische System der USA ist kein Monolith. Die trickreichen Auseinandersetzungen innerhalb der Administration und mit dem Kongress sind nicht nur Stoff für Hollywood-Filme und Serien wie West Wing oder House of Cards; sie prägen auch den diplomatischen Alltag am Potomac.

In dieser Welt ist die politische Einflussnahme ein wichtiges Geschäft. Es ist keine Überraschung, dass Lobbyisten in Washington eine Schlüsselrolle spielen. Ihre Zahl ist gross, grösser als die rund 13‘000 offiziell als Lobbyisten eingetragenen Personen, und ihr Einfluss ist  spürbar. Ein Drittel der Think Tanks weltweit befindet sich in den USA; viele der einflussreichsten sind in Washington aktiv. Mit ihren Analysen und Konzepten beeinflussen sie die Politikformulierung der Administration und die politischen Debatten auf dem Capitol Hill, sehr oft unter Einbezug von ehemaligen, gegenwärtigen und zukünftigen Entscheidungsträgern. Wissenschaftliche Institutionen, Interessenverbände, Medien, Vertreter internationaler Organisationen und Nichtregierungsorganisationen sind gleichermassen Teile dieses lebendigen Biotops.

Mehr als anderswo besteht in Washington ein intensiver personeller Wechsel zwischen Personen aus diesen verschiedenen Strukturen. Wer eine wichtige Regierungsfunktion hatte oder Kongress-Abgeordneter war, taucht später in einem Think Tank, an einer Hochschule, als Kommentator in den Medien oder in einer Lobbyfirma auf – und umgekehrt. Entsprechend wichtig sind persönliche Beziehungsnetze.

Wahrscheinlich war ihnen das alles bekannt. Ich habe es erwähnt, damit es deutlich vor Augen ist, wenn ich nun über Public Diplomacy in Washington spreche und darüber, wie die Schweiz in diesem Bereich agiert.

 

Public Diplomacy als Soft Power

Trotz der etwas besonderen Ausprägung haben in Washington die klassischen Instrumente der Diplomatie ihre Bedeutung behalten. Es gibt häufig Interventionen im State Department und bei anderen Stellen. Schweizerische Anliegen werden in bilateralen Gesprächen und mit Noten vorgebracht. Informationen werden eingeholt und Berichte geschrieben. Die direkten Kontakte auf allen Ebenen sind häufig, letztes Jahr allein gab es ein halbes Dutzend Bundesratsbesuche und viele Kontakte zwischen Parlamentsabgeordneten beider Länder und auf Verwaltungsebene.

Das Washingtoner Umfeld drängt aber gerade dazu, dieses klassische Instrumentarium der Diplomatie auszuweiten und zu versuchen, über die herkömmlichen und klar definierten Kanäle hinaus eine Wirkung zu erzielen und auf das Umfeld Einfluss zu nehmen. Das ist der Kern der Public Diplomacy.

Ich erspare Ihnen die mehr als hundert unterschiedlichen Definitionen für Public Diplomacy, auf die ich gestossen bin.[1] Für mich bedeutet Public Diplomacy mit wichtigen Zielgruppen in Verbindung zu treten und einen gehaltvollen Austausch zu führen. Dabei geht es letztlich um die gleichen Interessen und Anliegen wie bei herkömmlichen Instrumenten der Diplomatie. Es ist auch wichtig festzuhalten, was Public Diplomacy nicht ist. Es ist nicht eine Werbetätigkeit, um die Schweiz mit schönen Bildern, Filmen, Tönen und Hochglanzbroschüren womöglich besser darzustellen als sie ist.

Aus diesen wenigen Bemerkungen wird unmittelbar ersichtlich, dass Public Diplomacy letztlich ein Soft-Power-Ansatz ist, ganz ähnlich wie er von Joseph Nye definiert wurde, nämlich Einflussnahme in den internationalen Beziehungen durch die Beeinflussung der Ziele politischer Akteure, ohne dass dazu (wirtschaftliche) Anreize oder (militärische) Drohungen eingesetzt werden.[2]

Während Soft Power sehr viel umfassender ist und breitere Zielgruppen hat, richtet sich Public Diplomacy an das, was unter dem Begriff Öffentlichkeit verstanden wird, also um jene Institutionen und Personen, die ich bei der Beschreibung des Washingtoner Biotops erwähnt habe.[3]

Was heisst das für die konkrete Arbeit, für die schweizerische Public Diplomacy in Washington? Welche Themen und Inhalte werden in den USA verfolgt? Was wird getan, um die Ziele zu erreichen?

 

Wahrnehmung zählt

Im politischen Austausch ist nicht nur wichtig was gesagt wird, sondern wer es sagt und was von diesem Urheber gehalten wird. Deshalb ist es von grosser Bedeutung, wie die Schweiz als Akteur wahrgenommen wird. Wer es mit uns zu tun hat, wird sein Handeln letztlich darauf abstützen, was er über uns weiss oder zu wissen glaubt, gleichgültig ob es viel oder wenig ist, gleichgültig ob es zutreffend ist oder nicht. Deshalb ist das Image, die Wahrnehmung nicht nur ein Abbild, ein Schatten. Es ist die massgebende Grundlage für das politische Handeln, das uns betrifft und dem wir ausgesetzt sind.

Wie wird die Schweiz in Washington wahrgenommen? Die Schweiz hat in Washington und noch mehr in den übrigen USA insgesamt ein gutes Image. Wir werden als freundliches und harmloses Land wahrgenommen. Es gibt viele Klischeebilder: Uhren, Heidi, Schokolade, Käse und Berge. Swiss Made ist ein hervorragender Brand. Die Auseinandersetzungen um die nachrichtenlosen Vermögen, um Steuern und Bankgeheimnis haben aber Kratzer an diesem Bild hinterlassen, die auch abgerufen werden. Vor vier Jahren wurde der republikanische Präsidentschaftskandidat in der Wahlkampagne verunglimpft, indem er vor einem riesigen Emmentaler Käse abgebildet wurde mit dem Schriftzug: Can you trust a man with a Swiss Bank account? In diesem Bild ist beides enthalten, die harmlose Tradition und die Kratzer, verknüpft mit der amerikanischen Innenpolitik.

Dieses Image der Schweiz beinhaltet offensichtlich zwei Risiken:

Erstens: Die Klischeebilder, so positiv sie auch sein mögen, verdecken, was die heutige Schweiz ist und als Partnerin für die USA interessant macht. Die Schweiz ist eines der technologisch am meisten fortgeschrittenen und am weitesten globalisierten Länder der Welt. Die Hälfte des Volkseinkommens wird im Ausland erwirtschaftet. Die Schweiz rangiert auf den Ratings für Innovationen regelmässig zuoberst. Unser Land gehört zu den zwanzig grössten Volkswirtschaften der Welt - dass wir nicht Teil der G-20 sind, hat politische Gründe. Die Schweizer Wirtschaft hat in den USA einen erstaunlich grossen Fussabdruck. Sie gehört zu den zehn grössten Investoren, noch vor China, Saudi-Arabien oder Südkorea, und sie investiert rund eineinhalb mal mehr als Dänemark, Finland, Norwegen und Schweden zusammen. Schweizer Firmen investieren mehr in den USA als in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien zusammen. Die halbe Million Stellen, die damit geschaffen worden sind – noch vor allen anderen ausländischen Investitionen – sind die Stellen mit dem grössten Forschungs- und Entwicklungsanteil und den höchsten durchschnittlichen Salären. Anderseits sind auch die amerikanischen Investitionen in der Schweiz bedeutend: ca. 1‘600 Firmen, darunter der grösste Forschungs- und Entwicklungsstandort von Google ausserhalb der USA oder die europäischen Hauptsitze von Procter and Gamble, und viele Investitionen im technologischen Spitzenbereich wie das digitale Studio von Disney hier an der ETH Zürich oder Biotechfirmen. Es ist wichtig, dass Vertreter der Administration und Mitglieder des Kongresses diese Fakten kennen und uns nicht mit Kleinkrämern mit Kuckucksuhren verwechseln. Ebenso ist es wichtig, dass wir selber in den USA selbstbewusst und nicht als Kleinstaatler mit einem Minderwertigkeitskomplex auftreten.

Zweitens beinhalten die negativen Bilder aus dem Finanzbereich das Risiko, dass die Beziehungen zwischen der Schweiz und den USA durch diesen Blickwinkel getrübt werden könnten und dass sie im Extremfall sogar die Beziehungen zu definieren beginnen. Dieses Risiko ist allerdings in der Schweiz viel grösser ist als in den Vereinigten Staaten.

Unsere Neutralitätspolitik erfordert, dass wir uns bei vielen Initiativen, die für die USA wichtig sind, nicht beteiligen, beispielsweise bei der Koalition gegen Libyen, bei den sog. Freunden Syriens oder an Formen der Terrorismusbekämpfung. Es ist wichtig, dass unsere Politik nicht falsch verstanden wird und den Eindruck erweckt, dass wir Trittbrettfahrer sind, uns durch die Weltgeschichte mogeln und dabei undurchsichtige Geschäfte machen. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass die USA den Nutzen unserer internationalen Rolle mit der humanitären Tradition, dem internationalen Genf und den Guten Diensten kennen und auch verstehen.

 

Arbeitsschwerpunkte Public Diplomacy

Die Arbeitsschwerpunkte in der Public Diplomacy der Schweiz in den USA leiten sich aus diesen Prämissen ab, sie sind etwas unterschiedlich in der Hauptstadt und bei den übrigen Vertretungen, also unseren Generalkonsulaten und den swissnex. Für Washington liegen die Schwerpunkte in den vier Clustern Direktinvestitionen, Berufsbildung, humanitäre Schweiz sowie schweizerisches und amerikanisches Recht.

Offensichtlich richten sich die Cluster an unterschiedliche Zielgruppen, sie beinhalten auch je unterschiedliche Aktivitäten, die von Informationsveranstaltungen über Publikationen, Diskussionsrunden, Referaten, Medienauftritten und Kommunikation in den sozialen Medien, von Formen der Forschungszusammenarbeit bis zu gemeinsamen Aktivitäten mit Think Tanks, Hochschulen und Nichtregierungsorganisationen reichen.

Ich möchte das veranschaulichen:

Der Bereich Direktinvestitionen bringt den amerikanischen Entscheidungsträgern die wirtschaftliche Bedeutung der Schweiz ins Bewusstsein.[4] Eine wichtige Rolle spielen dabei insbesondere die Kongressabgeordneten. Es ist wichtig, dass sie die schweizerischen Investitionen in ihren Wahlkreisen kennen. Aber auch Vertreter der Administration, Think Tanks und Medien gehören zu den zentralen Zielgruppen dieser Messages: Die erwähnte Durchlässigkeit, der rege personelle Wechsel und die Netzwerke tragen dazu bei, das Wissen, einmal erworben, auch in weitere Institutionen „diffundiert“. Es ist wichtig, dass dieses Bild der Schweiz bekannter gemacht wird und hängenbleibt – vielleicht erinnern Sie sich noch an den Leitsatz des ersten Präsidentschaftswahlkampfs von Bill Clinton: „It’s the economy, stupid.“ Deren Bedeutung kann natürlich nirgends überschätzt werden, und schon gar nicht in den USA.

Die Zusammenarbeit im Bereich der Berufsbildung hat schon vor vielen Jahren begonnen. Schweizerische Firmen in den USA engagieren sich seit langem und haben Lehrlingsprogramme lanciert, um selber Fachkräfte zu gewinnen. Der Fachkräftemangel ist in den USA ein grosses Thema. Trotz erheblicher Arbeitslosigkeit können in den USA rund fünf Millionen Stellen nicht besetzt werden, weil die Fachkräfte fehlen. Die zwischen Bundespräsident Schneider-Ammann und seinen Amtskollegen im Handels-, Erziehungs- und Bildungsministerium im Jahr 2015 geschlossene Vereinbarung ist ein wichtiger Schritt für die verstärkte Zusammenarbeit beider Länder.[5] Die Schweiz stellt Informationen zur Verfügung; das US-Arbeitsministerium sowie Behörden in den Bundesstaaten und private Firmen setzen erhebliche Mittel ein. Das Thema Berufsbildung gehört zu denheissesten politischen Themen in den USA. Viele Studienabgänger beginnen ihr Berufsleben und manchmal ihre Arbeitslosigkeit mit einer grossen Schuldenlast, was bei einer Berufslehre nicht der Fall ist. Die zunehmend grössere Schere zwischen hohen und tiefen Einkommen und das Verschwinden des Mittelstandes sind ebenso ein zentrales Thema, gerade auch im Wahlkampf. Zwar lassen sich die schweizerischen Erfahrungen nicht ohne weiteres auf die USA übertragen. Das Modell stösst aber auf grosses Interesse und gibt eine starke Message, auch über die Schweiz und ihre Gesellschaft: ein innovatives Land mit qualifizierten Arbeitskräften, einem soliden, durchdachten und durchlässigen Bildungssystem. Und es zeigt gesamthaft das Bild einer erfolgreichen Schweiz, die bereit ist, ihre Erfahrungen zu teilen. In dem wir über unser Bildungssystem sprechen und insbesondere über die Berufslehre, steigern wir gleichzeitig auch dessen internationale Anerkennung. In diesen wie in vielen anderen Fragen ist die Rolle der USA als Meinungsmacherin und Multiplikatorin von grosser Bedeutung.

Als Hüterin der Genfer Konventionen, als Land mit einer aktiven humanitären Hilfe, mit Genf als humanitäre Hauptstadt der Welt und wichtiges internationales Zentrum hat die Schweiz ein Interesse, mit den USA in einen Dialog zu treten, um die teilweise sehr unterschiedlichen Auffassungen thematisieren zu können. Es ist viel wirksamer, wenn solche Diskussionen in Washington breiter und mit anderen Institutionen zusammen geführt werden als nur in den Büros spezialisierter Verwaltungseinheiten im State Department. Sie geben der Schweiz ein humanitäres Profil, das über diese Rolle hinaus reicht und auch den Nutzen der Neutralitätspolitik für die Staatengemeinschaft zeigt. Das Ende des Schutzmachtmandates für Kuba im Juli 2015 hatte viel Publizität in den amerikanischen Medien eingebracht, ebenso die Rolle der Schweiz bei der Freilassung der amerikanischen Gefangenen im Iran erst neulich. Es geht dabei nicht nur um die Dankesworte von Präsident Obama und Staatssekretär Kerry, sondern um unzählige Anlässe. Als eine Starmoderatorin eines grossen Fernsehkanals einen der freigelassenen Gefangenen am Super Bowl traf, ihn fotografierte und der Schweiz dankte, erreichte die Message Millionen, die sich sonst nicht für die schweizerische Aussenpolitik interessieren.

Das amerikanische und das schweizerische Recht, schliesslich, haben erstaunliche Parallelen, aber auch markante Unterschiede, die immer wieder zu Differenzen geführt haben. Die US Constitution von 1789 und die amerikanischen Institutionen waren wichtige Referenzgrössen für unsere Bundesverfassung. Schweizer haben aber auch Spuren in der amerikanischen politischen Kultur hinterlassen und an der Rechtsentwicklung mitgewirkt, am bekanntesten sind vielleicht die Volksabstimmungen in einzelnen Bundesstaaten wie Kalifornien.[6] Das Sanktionsrecht, die internationale Strafgerichtsbarkeit oder die extraterritoriale Anwendung des amerikanischen Rechts sorgt oft für Verstimmungen. Auch dabei ist es wichtig, nicht nur mit Amicus Curiae Briefs amerikanischen Gerichten schweizerische Rechtsauffassungen mitzuteilen, sondern breitere Diskussionen auszulösen unter Einbezug von Regierungsvertretern, juristischen Lehrstühlen, Think Tanks, Anwaltskanzleien und anderen interessierten Stellen.

Eine grosse Herausforderung für die Public Diplomacy in den USA der kommenden Jahre wird es sein, über die klaren thematischen Schwerpunkte hinaus die Schweiz als das innovative und zukunftgerichtete Land zu zeigen, das sie ist und das die Grundlage für den Wohlstand seiner Bevölkerung ist. Dabei wird es nicht darum gehen, traditionelle Bilder zu bekämpfen, sondern sie zu erweitern und damit auf Chancen für die Zusammenarbeit aufmerksam zu machen. Zusammen mit unseren Kolleginnen und Kollegen in den USA und in Bern bei Präsenz Schweiz machen wir uns intensiv Gedanken dazu und arbeiten an neuen Ansätzen.

 

Arbeitsweise der Public Diplomacy

Für eine erfolgreiche Public Diplomacy ist die Verbindung von Informationen mit einem persönlichen Engagement und direkten Kontakten entscheidend. Genau darin unterscheidet sich Public Diplomacy von Public Relations.

Webbasierte Instrumente, vorab Social Media, spielen heute eine wichtige Rolle. Die meisten Zielgruppen, die für uns in den USA wichtig sind, informieren sich zu einem grossen Teil über die Social Media. Selbst Artikel der New York Times und Washington Post werden heute wohl hauptsächlich in den Streams der Social Media gelesen. Wer Inhalte verbreiten will, muss versuchen, in diesen Stream zu gelangen, der von den Lesenden selber definiert wird. Dabei ist es wichtiger, die richtige Zielgruppe zu erreichen als eine grosse Zahl von Followers und Likes aufzuweisen. Social Media sind gleichzeitig auch wichtig, weil sie ein aktives Engagement mit den Zielgruppen ermöglichen, beispielsweise durch das Weiterverbreiten, Verknüpfen und Kommentieren von Inhalten.

Trotz diesen Möglichkeiten ist es wichtig, dass Räume für physische Kontakte geschaffen werden. Das ist der Grund, weshalb führende Aussenministerien wie das US Department of State den amerikanischen Vertretungen im Ausland eine grosse Rolle und einen Spielraum gibt, der weit über das hinaus reicht, was bei anderen diplomatischen Instrumenten üblich ist, wo Instruktionen oft bis ins Detail die Demarchen und Mitteilungen vorgeben. Selbstverständlich bleibt auch dabei wichtig, dass sich die Vertretungen auf technische Ressourcen und Inhalte abstützen können. Wer sich die Arbeitsweise im State Department näher ansieht, entdeckt rasch, dass der amerikanische Ansatz der Public Diplomacy inhaltlich stark von Marketingerfahrungen geprägt ist und nicht von zentralistischen Agitprop-Modellen.

Das State Department betreibt heute weltweit rund dreitausend Social-Media-Accounts und noch mehr verschiedene Websites, die in Inhalt, Aufmachung und Sprache auf die verschiedenen Zielgruppen abgestimmt sind. Damit werden rund 60 Millionen Personen erreicht, im Idealfall Multiplikatoren. Neben den Aktivitäten der amerikanischen Vertretungen vor Ort sind besonders auch die Besuchsprogramme beeindruckend, von kurzen Reisen über Praktika bis zu längeren Studienaufenthalten. Für diese Programme, die persönliche Kontakte schaffen, wenden die USA in den verschiedenen Formaten rund eine halbe Milliarde Dollar jährlich auf. Alumni-Netzwerke sorgen für Nachhaltigkeit.

Es ist erstaunlich, wie offen die USA ihre Erfahrungen mit Ländern wie der Schweiz teilen. Zwischen den Verantwortlichen im State Department und den ausländischen Vertretungen in Washington, aber auch mit Organisationen und Firmen wie Google, Twitter oder Facebook, gibt es einen regelmässigen Erfahrungsaustausch.

Viele Länder setzen in Washington erhebliche Mittel im Bereich Public Diplomacy ein, auch wenn die Ressourcen meistens nicht offengelegt werden. Manche Vertretungen unterhalten grosse Dienste für die Social Media. Norwegen beispielsweise unterhält auch umfangreiche Forschungs- und Veranstaltungsprogramme mit Think Tanks rund um Themen aus den Prioritäten der norwegischen Aussenpolitik. Länder wie Saudi-Arabien, die übrigen Golfstaaten oder Singapur dürften grosse finanzielle Mittel einsetzen und sich teilweise auf Lobbying- und PR-Firmen abstützen.

Die Schweiz spielt nicht in dieser Kategorie. Ich bin aber überzeugt, dass der eingeschlagene Weg zielführend ist, und zwar nicht aus Zweckoptimismus, weil die Mittel für andere Optionen fehlen. Die bescheidenen Mittel zwingen dazu sehr gezielt vorzugehen. Und es führt dazu, dass die Verantwortlichen für die einzelnen Arbeitsbereiche selber eine grössere Rolle spielen als es in mancher anderen Vertretung der Fall ist. Das gibt den Inhalten und Auftritten oft mehr Glaubwürdigkeit als wenn Kommunikationsspezialisten ohne vertiefte Sachkenntnis mit den Zielgruppen verkehren und es erlaubt die Kontaktnetze für jene Leute auszubauen, die operationell tätig sind.

Kommunikation und Public Diplomacy finden nicht nur in den Social Media, in Publikationen oder an Veranstaltungen statt. Wichtig ist es, eine Kultur der Kommunikation zu entwickeln. Schweizerische Qualität, Innovationskraft, Wirtschaftsleistung, wissenschaftliche Errungenschaften und andere Inhalte müssen auch dort ausgedrückt werden, wo es nicht erwartet wird. Beim Erscheinungsbild der Vertretung etwa, an den Essen auf der Residenz oder mit den Kunstwerken und kulturellen Veranstaltungen auf der Vertretung. Alle diese Aspekte sind Teil einer umfassenden Kommunikation und wirken letztlich auf das Umfeld und die Voraussetzungen der Aussenpolitik.

 

Schlussbemerkung

Zum Abschluss will ich etwas Abstand von meinem Arbeitsalltag in Washington nehmen und ein paar knappe verallgemeinernde Bemerkungen zur Public Diplomacy machen.

Diplomatie ist die Kunst und Praxis, mit Kommunikation und Verhandlungen Interessen zu vertreten und dabei konkrete Wirkung zu erzielen, meistens in internationalen Beziehungen.

Diplomatische Tätigkeiten lassen sich bis in Anfänge der menschlichen Geschichte zurückverfolgen, bis zu den ersten Unterhändlern im antiken Mesopotamien, im alten Indien und China. Daraus entwickelte sich über Jahrtausende die bilaterale Diplomatie wie wir sie bis heute kennen. Der Beitrag Europas für die Geschichte der Diplomatie war die Kongressdiplomatie, also Verhandlungen zwischen souveränen Staaten, ein Konzept, das in anderen Weltgegenden unbekannt war. Daraus entstand nach den beiden Weltkriegen der Multilateralismus, ohne dass die bilaterale Diplomatie deswegen ihre Bedeutung verloren hätte. Inzwischen leben wir in einer vernetzten globalisierten Welt, wo sehr viele Akteure eine Rolle spielen und Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. Seit einiger Zeit wird in diesem Zusammenhang der Begriff Polylateralismus verwendet.[7] Er drückt auch aus, dass sich das Portfolio der Diplomatie über den Kreis von Staaten und internationaler Organisationen hinaus erweitert hat.[8] Public Diplomacy – als Begriff schon in den 1960er Jahren entstanden – ist auf diese Erweiterung ausgerichtet und findet, wie ich es zu zeigen versucht habe, nicht mehr in den klar definierten bilateralen und multilateralen Kanälen statt. Public Diplomacy erfordert eine multidisziplinäre, interkulturelle und innovative Arbeitsweise. Kaum ein anderer Bereich des diplomatischen Handwerks hat sich in den vergangenen Jahren stärker entwickelt, kein einzelner anderer Bereich hat in der Wissenschaft so grosse Aufmerksamkeit und Reichtum an Publikationen bewirkt. Washington ist Brennpunkt dieser Entwicklungen und ein Ort, an dem bestens darüber nachgedacht werden kann.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Check against delivery

[1] K.R. Fitzpatrick: The Future of US Public Diplomacy. An Uncertain Fate. Leiden 2010.

[2] J.S. Nye: Soft Power. The Means to Success in World Politics. New York 2004; J.S. Nye: Public Diplomacy and Soft Power. In: Annals of the American Academy of Social and Political Science. March 2008.

[3] Public Affairs ist im Gegensatz dazu der Austausch mit der Öffentlichkeit im Herkunftsland (also mit der schweizerischen Öffentlichkeit)

[4] Schweizerische Eidgenossenschaft: Creating Jobs and Supproting the U.S. Economy. Swiss Direct Investment in the United States, Report 2014 (link: Swiss Direct Investment in the United States).. Hinweis: die neue Auflage ist laut Wirtschaftssektion (Martin Baumgartner) noch nicht fertig zur Ausgabe.

[5] Embassy of Switzerland in the United States of America: Earn While You Learn: Switzerland’s Vocational Education and Training System, Washington, D.C., April 2016.

[6] T. Cottier und J. Drolshammer: The Anthology of Swiss Legal Culture.In: DIKE Publishinghouse, 2015. (copyright the editors) (link: http://www.legalanthology.ch/)

[7] G. Wiseman: Polylateralism: Diplomacy’s Third Dimension. In: Public Diplomacy Magazine 4/2010.

[8] C. Munter: Diplomacy Disrupted. Foreign Policy in a Decentralized World. In: Foreign Affairs March/April 2016.