Stromversorgungssicherheit Schweiz: Unsicherheiten durch Iran-Krieg
Bern, 07.05.2026 — Die Stromversorgungssicherheit war im vergangenen Winter durchgehend gewährleistet. Importe kompensierten den Ausfall des Kernkraftwerks Gösgen sowie die gegenüber den beiden Vorjahren deutlich geringere Wasserkraftproduktion. Im Hinblick auf den kommenden Winter bestehen in Folge des Iran-Kriegs Unsicherheiten hinsichtlich der Verfügbarkeit von Gas, was sich in einem Extremszenario auch auf die Stabilität der europäischen und schweizerischen Stromversorgung auswirken könnte. In ihrem Rück- und Ausblick zur Versorgungssicherheit weist die ElCom ausserdem auf die wachsenden Herausforderungen beim Unterhalt des Übertragungsnetzes und die Notwendigkeit der Anpassung rechtlicher Rahmenbedingungen hin.
Die Stromproduktion des Kernkraftwerks Gösgen deckt üblicherweise gegen 13% des Landesverbrauchs im Winter. Aufgrund des Ausfalls des zweitgrössten Kernkraftwerks bis knapp vor Ende des Winters war die Schweiz in ausserordentlich grossem Ausmass auf Netto-Stromimporte angewiesen – diese beliefen sich auf rund 6.8 TWh, was etwa einem Fünftel des Winter-Landesverbrauchs entspricht. Die Wasserkraftproduktion lag etwa in der langjährigen Norm, allerdings deutlich tiefer als in den beiden Vorjahren. Da die Schweiz im Winter üblicherweise Netto-Importeur von Strom ist, fiel der Importbedarf umso grösser aus. Importe trugen daher ausserordentlich stark zur Versorgungssicherheit bei – auch weil weder besondere technische noch regulatorische Einschränkungen die Verfügbarkeit von Importkapazitäten begrenzten. Die Importe stammten vor allem aus Frankreich, wo eine sehr hohe Produktion der Kernkraft und daraus resultierende Überschüsse das Marktpreisniveau dämpften. Der mittlere Spotmarkpreis für das Marktgebiet Schweiz belief sich auf 120 EUR/MWh. Damit blieb der Preis leicht unter dem Niveau des Vorwinters 2024/25 (122 EUR/MWh), obschon ab März der Iran-Krieg und die Schliessung der Strasse von Hormus den Gaspreis und damit auch den Strompreis in den europäischen Märkten spürbar ansteigen liessen.
Ausblick auf den Winter 2026/27: Unsicherheiten beim Gas
Gaskraftwerke spielen in Europa eine wichtige Rolle bei der Versorgungssicherheit, insbesondere um Verbrauchsspitzen sowie Phasen mit reduzierter Erneuerbarenproduktion abzudecken. Die aktuellen Unsicherheiten im globalen Markt für Flüssiggas (LNG) im Zusammenhang mit der Blockade der Strasse von Hormus schlagen sich daher auch als Risiko für die Stromversorgungssicherheit und bei der Marktpreisentwicklung nieder. Aufgrund der aktuell relativ tiefen Füllstände der europäischen Gaslager und der vom Iran-Krieg beeinflussten Preisstruktur im Gasmarkt (kurzfristige Lieferungen sind teurer als jene für den Winter) bestehen Unsicherheiten über das Ausmass der Wiederbefüllung der Gaslager bis Anfang des Winters. Damit verbunden sind Unsicherheiten hinsichtlich der Gas- und Strompreisentwicklung sowie der Verfügbarkeit von Gas für den Betrieb von Gaskraftwerken.
Die aktuellen Marktpreisentwicklungen im Strommarkt weisen derzeit nicht auf die Erwartung einer physischen Stromknappheit hin. Entsprechend liegen auch die Preise im Markt trotz anhaltender geopolitischer Unsicherheiten deutlich unter jenen während der Krisenjahre 2021/2022. Einerseits verfügt Europa heute über deutlich grössere Kapazitäten bei LNG-Terminals und damit über mehr Flexibilität beim Gasimport. Anderseits ist die Verfügbarkeit der französischen Kernkraftwerke im Gegensatz zur damaligen Situation ausserordentlich hoch – und Prognosen weisen auf eine anhaltend hohe Verfügbarkeit im kommenden Winter hin. Dennoch besteht aus heutiger Sicht ein Restrisiko für die Stromversorgungssicherheit im kommenden Winter: Eine Angebotsknappheit könnte etwa in einem Szenario eintreten, in welchem die Schliessung der Strasse von Hormus länger anhält, die europäischen Gaslager nur beschränkt gefüllt werden und anhaltend tiefe Temperaturen und eine geringe Erneuerbaren-Produktion den Gasverbrauch deutlich anheben, was gleichzeitig die Verfügbarkeit der Gaskraftwerke reduzieren würde.
Netzausbau und Netzstabilität – Lehren aus dem Blackout auf der iberischen Halbinsel
Die ElCom weist mittelfristig auf die Notwendigkeit einer Beschleunigung beim Unterhalt und der Erneuerung des Stromübertragungsnetzes hin. Etwa 60% der rund 12’000 Tragwerke sind zwischen 50 und 80 Jahre alt. Um den in den nächsten Jahren signifikant ansteigenden Erneuerungsbedarf sicherzustellen, spricht sich die ElCom für weitere Vereinfachungen im Rahmen des sogenannten Netzexpress aus. Dazu gehört neben dem «Freileitungsgrundsatz» auch ein «Verschlechterungsverbot», welches die weitere Nutzung der bereits bestehenden Trassen ohne Hürden sicherstellt.
Am 20. März 2026 veröffentlichte ENTSO-E ihren Schlussbericht zum Blackout auf der iberischen Halbinsel vom April 2025. Bei der Erarbeitung des Berichts waren Vertreter von Übertragungsnetzbetreibern sowie Regulierungsbehörden involviert, auch Swissgrid und ElCom. Der Bericht illustriert, dass mehrere Ursachen gleichzeitig für den Blackout verantwortlich waren. Im Zentrum steht das Thema Spannungshaltung. Zwar erscheint heute ein ähnlicher Vorfall in der Schweiz aufgrund ihres spezifischen Produktionsmixes, ihrer geographischen Lage und der starken internationalen Vernetzung als unwahrscheinlich. Dennoch sind die Erkenntnisse in den Arbeiten zur Weiterentwicklung von Standards im Strommarkt unbedingt zu berücksichtigen. Dazu gehören die ausreichende Bereitstellung der Spannungshaltung im Zuge des Ausbaus erneuerbarer Energien sowie die jederzeitige Gewährleistung der Schwarzstartfähigkeit sowie des Netzwiederaufbaus.
Über die ElCom
Die Eidgenössische Elektrizitätskommission (ElCom) ist die unabhängige staatliche Aufsichtsbehörde im Elektrizitätsbereich. Sie überwacht die Einhaltung des Stromversorgungs- und Energiegesetzes, trifft die dazu nötigen Entscheide und erlässt Verfügungen.
Sie beaufsichtigt die Strompreise und entscheidet als richterliche Behörde bei Differenzen betreffend den Netzzugang. Sie überwacht zudem die Versorgungssicherheit im Strombereich und regelt Fragen zum internationalen Stromtransport und -handel. Schliesslich entscheidet die ElCom in Streitigkeiten zu Rückliefertarifen sowie zwischen Netzbetreiber und Eigenverbraucher. Die Kommissionsmitglieder werden vom Bundesrat gewählt. Sie sind von der Elektrizitätswirtschaft unabhängig.