Sport als diplomatische Brücke
Die Schweiz ist nicht nur Gastgeberin zahlreicher internationaler Sportorganisationen, sondern nutzt den Sport auch als Instrument ihrer Aussenpolitik. Ein hochrangiges Treffen zwischen Bundesrat Ignazio Cassis und Vertretern der Behörden der Konföderation der Sahelstaaten und des Senegal in Lausanne am 9. September 2026 hat gezeigt, welches Potenzial dieser Ansatz hat. Im Rahmen eines Pilotprojekts hat eine Initiative des EDA in nur einem Jahr im Sahel neue politische Gesprächskanäle eröffnet, das Vertrauen zwischen Akteuren der Region gestärkt und die Schweiz als Friedensakteurin positioniert. Nun stellt sich die Frage, wie die Sportdiplomatie künftig noch stärker genutzt werden kann.

Lausanne gilt als olympische Hauptstadt und ist eines der wichtigsten Zentren des internationalen Sports. Hier hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) seinen Sitz, daneben sind im Kanton Waadt zahlreiche internationale Sportverbände und Organisationen angesiedelt. Diese besondere Stellung ist für die Schweiz nicht nur von sportlicher oder wirtschaftlicher Bedeutung. Sie bietet auch aussenpolitisches Potenzial. So hält die Gaststaatbotschaft 2026-2029 der Schweiz fest, dass das internationale sportliche Ökosystem in unserem Land eine Soft Power bietet, welche wichtige Fortschritte ermöglichen kann, beispielsweise im Bereich der diplomatischen Beziehungen oder für die Achtung der Menschenrechte.
Am 9. September 2026 stand dieses Potenzial im Zentrum einer hochrangigen Gesprächsrunde des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Die Veranstaltung fand am Rande des wissenschaftlichen Kolloquiums «Diplomaties, diplomates et sports, XIXe-XXIe siècle» der Universität Lausanne statt und brachte Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Sport und Wissenschaft zusammen. Im Anschluss an den Runden Tisch in Lausanne traf sich Bundesrat Ignazio Cassis mit dem Aussenminister von Niger, Bakary Yaou Sangaré, dem Aussenminister von Senegal, Cheikh Niang, sowie mit Nadine Traoré Bazié, Referentin im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten, regionale Zusammenarbeit und im Ausland lebende Burkinabè, und Sékou, genannt Gaoussou Cissé, Botschafter und Ständiger Vertreter von Mali beim Büro der Vereinten Nationen und den anderen internationalen Organisationen in Genf.
Zu den Gesprächsthemen gehörten die Stärkung des Dialogs mit den Ländern der Konföderation der Sahelstaaten (AES) und Westafrikas, indem der Sport als Instrument für Vertrauen, Diplomatie und Frieden genutzt wird.
Sportdiplomatie als neue aussenpolitische Initiative
Sportdiplomatie bedeutet, Athletinnen und Athleten sowie Sportveranstaltungen bewusst und strategisch einzusetzen, um politische und aussenpolitische Ziele zu erreichen. Für das EDA geht es dabei nicht darum, die klassische Diplomatie zu ersetzen. Vielmehr soll die Sportdiplomatie bestehende Instrumente ergänzen und dort neue Zugänge ermöglichen, wo politische Gesprächsformate an ihre Grenzen stossen.
Gerade im Sahel ist dieser Ansatz von besonderem Interesse. Die Region ist von politischen Spannungen, Konflikten und einem Vertrauensverlust zwischen verschiedenen Staaten und internationalen Akteuren geprägt. Die Schweiz sucht deshalb nach neuen Wegen, um den politischen Dialog aufrechtzuerhalten und ihre Friedenspolitik in der Region weiterzuführen.
Im Sommer 2025 lancierte das EDA deshalb ein Pilotprojekt für Sportdiplomatie und Frieden. Die Idee: Bestehende Netzwerke und Plattformen des Sports gezielt für die Ziele der Schweizer Friedenspolitik zu nutzen – für Dialog, Vertrauensbildung und Konfliktprävention.
Positive Zwischenbilanz des Pilotprojekts
Die ersten Ergebnisse des Pilotprojekts im Sahel sind ermutigend. Innerhalb eines Jahres ist es der Schweiz gelungen, auch bei Ländern auf Interesse zu stossen, mit denen die regionale Zusammenarbeit mit besonderen Herausforderungen verbunden ist. Das gemeinsame Thema Sport und Frieden hat neue Gesprächsräume eröffnet und dazu beigetragen, eine positive und verbindende Dynamik zwischen verschiedenen Staaten der Region zu schaffen.
Gleichzeitig hat die Initiative, die von der Sondergesandten der Schweiz für den Sahel und der Abteilung Frieden und Menschenrechte umgesetzt wird, den politischen Dialog auf hoher Ebene mit einer Reihe von Ländern verstärkt und diversifiziert. Dazu gehören Algerien, Benin, Burkina Faso, Côte d’Ivoire, Mali, Marokko, Niger und Senegal. Der Sport erwies sich dabei als zusätzlicher Gesprächskanal, über den Kontakte vertieft und neue Akteure in den Dialog einbezogen werden konnten. Die Initiative trägt ebenfalls dazu bei, den Dialog über Menschenrechte zu führen. Für die Schweiz ist dies auch eine Möglichkeit, ihr Profil in Afrika zu schärfen. In einem schwierigen regionalen Umfeld und zu einem Zeitpunkt, in dem sich andere internationale Akteure teilweise aus dem Sahel zurückziehen, will die Schweiz zeigen, dass sie weiterhin präsent ist und neue Formen der Zusammenarbeit anbietet, was auch einem Ziel der Afrika-Strategie 2025-2028 des Bundesrats entspricht.
Von der Women's EURO nach Westafrika
Die Pilotphase wurde bewusst mit grossen Sportereignissen verbunden. Den Ausgangspunkt bildete die UEFA Women's EURO 2025 in der Schweiz. In diesem Umfeld unterstützte das EDA unter anderem eine Immersionswoche für Sportjournalistinnen und Sportjournalisten aus fünf Ländern der Sahelregion.
Ein weiterer Schritt folgte im Dezember 2025 am Afrika-Cup in Marokko. Dort bot sich die Gelegenheit für einen Austausch zwischen Persönlichkeiten aus dem Fussball sowie politischen und sportlichen Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Länder, der vom afrikanischen Fussballverband (CAF) organisiert wurde. Parallel dazu wurde das Netzwerk der Schweiz im afrikanischen und internationalen Sport weiter ausgebaut – unter anderem mit Akteuren aus dem Umfeld des IOC, der FIFA und des afrikanischen Fussballverbands CAF.
Hochrangiges Treffen in Lausanne
Das Treffen in Lausanne war nun ein weiterer Schritt dieser Entwicklung. Hochrangige Vertreter aus Politik und Sport diskutieren über das Potenzial des Sports für Dialog und Frieden.
Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt. In wenigen Wochen wird Dakar Gastgeber der Olympischen Jugendspiele 2026 sein – des ersten olympischen Ereignisses auf dem afrikanischen Kontinent. Für die Schweiz eröffnet sich damit eine weitere Gelegenheit, den Dialog mit Akteuren aus dem Sahel und Westafrika zu vertiefen. In Dakar organisiert die Schweizerische Botschaft mit Unterstützung von Präsenz Schweiz eine Reihe von Anlässen rund um die Jugendolympiade. Olympische Spiele bringen Politik, Wirtschaft, Medien, Sport, Kultur und Gesellschaft aus aller Welt zusammen. Das gemeinsame Interesse am Sport schafft dabei einen niederschwelligen Zugang und erleichtert Begegnungen über politische, kulturelle und gesellschaftliche Grenzen hinweg. Ein Medaillengewinn, ein Anlass der Botschaft oder im Breitensport für die Jugend können zum Ausgangspunkt für Gespräche werden, die weit über die Olympiade hinausgehen.
So soll die internationale Aufmerksamkeit rund um die Spiele genutzt werden, um die Schweiz sichtbar zu machen, Beziehungen zu pflegen und neue Kontakte zu schaffen. Dabei erreicht die Schweiz unterschiedliche Zielgruppen – von Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern über Medienschaffende bis hin zur lokalen Bevölkerung und einem internationalen Publikum.
Ein Ansatz mit Perspektive
Die Schweiz will den Dialog mit politischen und sportlichen Akteuren der Region sowie mit internationalen Sportorganisationen weiterführen und vertiefen. Ziel bleibt es, konkrete Gelegenheiten zu nutzen, bei denen der Sport zur Förderung von Vertrauen und Frieden beitragen kann. Gleichzeitig geht es um mehr als die Sahelregion. Die aktuelle Initiative liefert Erkenntnisse darüber, welche Ansätze funktionieren und wo ihre Grenzen liegen. Diese Erfahrungen können als Grundlage für die nächsten Schritte dienen.
Das Treffen in Lausanne stand damit exemplarisch für eine Entwicklung, die über ein einzelnes Projekt hinausweist. Die Schweiz verfügt mit ihrer Glaubwürdigkeit als Vermittlerin, ihrem Einsatz für Frieden und Menschenrechte sowie ihrer Stellung als wichtiger Standort des internationalen Sports über besondere Voraussetzungen.
Die bisherige Bilanz im Sahel zeigt, dass Sport neue Türen öffnen kann. Für die Schweiz bietet sich nun die Chance, aus diesen ersten Erfahrungen ihre Sportdiplomatie zu schärfen – und einen ihrer besonderen Standortvorteile künftig noch stärker für Frieden und Dialog zu nutzen.
Kontakt
Generalsekretariat GS-EDA
Bundeshaus West
3003 Bern