«Zahlreiche Familien nahmen Flüchtlinge auf, die sie noch nie gesehen hatten»

Andreas Deuble im DEZA-Büro in Kobayat, Nordlibanon.
Andreas Deuble arbeitete als Cash Officer beim DEZA-Projekt «Cash for Hosting» im Nordlibanon. © DEZA

Seit Beginn der Syrien-Krise hat Libanon fast 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen. Dies entspricht einem Viertel der Bevölkerung des  Landes. Hunderttausende Flüchtlinge sind in libanesischen Gastfamilien im nördlichen Bezirk Akkar untergebracht, der zu den ärmsten Regionen  gehört. Das DEZA-Projekt «Cash for Hosting» unterstützte 2013 und 2014 über 2800 libanesische Familien. Je nach Anzahl der Gäste erhielt jede Familie zwischen 100 und 150 USD pro Monat. Andreas Deuble, «Cash Officer» beim Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe (SKH), erinnert sich.

Die DEZA unterstützte während zwei Jahren über 2800 libanesische Familien. Ist das für Sie ein grosses Projekt?
Das war ein ziemlich grosses Projekt. Aber ich bin der Meinung, dass Qualität wichtiger ist als Quantität. Am Anfang unterstützten wir nur die Region Akroum, aber dann dehnten wir das Projekt auf das angrenzende Wadi Khaled aus. Dieser Entscheid führte zu Spannungen in verschiedenen Gemeinden der Region, weil es nun mehr Familien gab, die unsere Hilfe benötigten. 

Wie reagierten die Familien – Libanesen und Libanesinnen sowie  Syrerinnen und Syrer – auf die Hilfe der DEZA?
Sie waren natürlich sehr froh. Als wir ihnen sagten, dass wir das Projekt einstellen würden, waren sie traurig, aber sie haben auch verstanden, dass wir nicht unbegrenzt Hilfe leisten können. 

War die Hilfe Ihrer Meinung nach nicht nachhaltig?
Wir machten von Anfang an klar, dass ein Cash-Projekt ein Nothilfeprojekt ist, das irgendwann zu Ende geht. Ein solches Projekt soll Menschen zu Beginn einer Notsituation unterstützen. Es ist somit nicht nachhaltig und muss durch längerfristig ausgerichtete Projekte abgelöst werden. «Cash for Hosting» war das richtige Projekt zum richtigen Zeitpunkt. Ich bin überzeugt, dass wir genau im richtigen Moment ausgestiegen sind. Als die Zahl der Flüchtlinge auf das Zwanzigfache angestiegen war, beschlossen wir, zu nachhaltigeren Projekten überzugehen. Die DEZA setzte beispielsweise Schulen instand, die neben libanesischen Kindern auch syrische Flüchtlingskinder aufnehmen. 

Gab es irgendwelche Verbindungen zwischen den libanesischen Gastfamilien und den von ihnen aufgenommenen syrischen Flüchtlingen?
Das war je nach Bezirk unterschiedlich. In Wadi Khaled zum Beispiel bestanden in den meisten Fällen Familien- oder Geschäftsbeziehungen zwischen Flüchtlingen und Gastfamilien. Von den 1900 libanesischen Familien, die wir in Wadi Khaled unterstützten, baten nur sechs die Flüchtlinge nach einer Weile zu gehen, weil sie sie nicht länger beherbergen konnten. In der Region Akroum nahmen zahlreiche Familien Flüchtlinge auf, die sie noch nie gesehen hatten. Dies zeigt die ausgeprägte Tradition der Gastfreundschaft in dieser Gegend. 

Gab es bei den Libanesinnen und Libanesen  Ressentiments gegenüber den syrischen Flüchtlingen?
Davon habe ich nie etwas gemerkt. Natürlich gab es Leute, die sagten, dass Syrerinnen und Syrer für weniger Lohn arbeiten und den Libanesinnen und Libanesen die Jobs wegnehmen. Aber die Flüchtlinge erledigen in der Regel Arbeiten, die die Libanesen nicht verrichten wollen. 

Die DEZA verteilte viel Geld mit dem Projekt «Cash for Hosting»: rund 9,3 Millionen CHF . Haben Sie bei den Familien Neid festgestellt?
Eigentlich nicht. Wenn es gelegentlich zu Spannungen kam, dann weil sich libanesische Familien, die nicht in das Projekt aufgenommen wurden, über die lokalen Behörden ärgerten. Sie beschimpften die Gemeinde und sogar unsere Mitarbeitenden, weil sie nicht auf die Liste der Gastfamilien aufgenommen wurden. Aber das waren ganz wenige Fälle.

Nofa und Abou Hassan, grosszügige Gastgeber

Abu Hassan und seine Frau Nofa stehen vor ihrem Haus.
Abu Hassan und seine Frau Nofa haben elf syrische Familien – über 70 Personen – aufgenommen. © DEZA

Abu Hassan arbeitet gelegentlich als Buschauffeur und führt ein kleines Geschäft ausserhalb seines Hauses. Trotz der Einnahmen aus diesen Tätigkeiten haben Abu Hassan und seine Frau Nofa ein hartes Leben, seit sie elf syrische Familien aufgenommen haben. «Als die Krise in Syrien begann, hatte ich gerade mein Haus gebaut, einige Zimmer waren noch nicht einmal fertig.» Heute leben hier auch Erwachsene und Teenager aus Syrien. In einigen Zimmern leben Familien mit bis zu acht Mitgliedern, aber die Räume sind sauber und ordentlich. Abu Hassan erinnert sich an die Ankunft der syrischen Flüchtlinge: «Was hätte ich denn sonst tun sollen? Sie hatten alles verloren, als sie an unsere Tür klopften. Ich konnte sie doch nicht wegschicken.» «Sie wissen nicht wohin, und sie sind auf unsere Hilfe angewiesen», ergänzt seine Frau Nofa. Das Ehepaar, das bereits für zehn eigene Kinder sorg, brauchte das Geld der DEZA, um Wasser und Strom zu bezahlen. Abu Hassan hat versprochen, dass die Syrerinnen und Syrer bei ihm bleiben können, bis sie wieder nach Hause zurückkehren können.