Opening Speech by Ambassador Dr. Martin Dahinden

28.04.2018

Dr. Martin Dahinden, Ambassador of Switzerland to the United States of America

On the Occasion of the Die Academicus Event at the University of Zurich, Switzerland

Speech in German

Speaker: Ambassador Martin Dahinden

Ambassador Martin Dahinden at Dies Academicus Event at the University of Zurich, Switzerland
Ambassador Martin Dahinden at Dies Academicus Event at the University of Zurich, Switzerland © UZH, Frank Brüederli

Ich danke Ihnen für die Einladung zum Dies Academicus. Es ist eine grosse Ehre und Freude zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Vom Schweizerischen Botschafter in den Vereinigten Staaten erwarten Sie keine hochschulpolitische Grundsatzrede, wie es in anderen Jahren häufig der Fall war. Ich werde zurückblicken und meine persönliche Meinung zur Gegenwart und Zukunft der Universität sagen. Das passt auch ausgezeichnet zum diesjährigen 50. Jubiläum der Vereinigung akademischer Mittelbau der Universität Zürich VAUZ, dessen Präsident ich vor mehr als dreissig Jahren war. 

Die Universität Zürich mit ihrer streckenweise fast sakralen Architektur und der vielen Kunst am Bau war für mich stets ein Ort voller intellektueller Schätze. Ein Ort, wo geistige Neugier stets neu angestachelt und nie abschliessend gestillt wird. Das liegt am breiten Spektrum der wissenschaftlichen Fächer, vor allem aber an den Leuten, die an der Universität Zürich wirken, auch am Geist der Offenheit nach aussen, gegenüber anderen Universitäten, in die weite Welt hinaus und gegenüber dem Privatsektor. Es ist deshalb keine Überraschung, dass die Universität Zürich ein ausgezeichnetes internationales Ranking hat, das auch in den Vereinigten Staaten zur Kenntnis genommen wird.

Als Student blätterte ich jeweils gespannt im neuesten Vorlesungsverzeichnis und entdeckte dabei neue, faszinierende Gebiete und Themen. Am liebsten hätte ich mein eigenes, ganz individuelles Studienprogramm zusammengestellt. Schliesslich wählte ich das Studium der Ökonomie, jener Wissenschaft, der nachgesagt wird, dass sie jeden Tag auf die gleichen Probleme neue Antworten findet. Ich tat dies, obwohl damals begonnen wurde, Ökonomiestudenten mit Mathematik zu peinigen. Vielleicht geschah dies, um die Wissenschaftlichkeit des Faches zu befestigen. Ich selber hatte jedoch den Verdacht, dass damit ein Schutzwall gegen die lebhaften politischen Debatten der Nach-68er Jahre aufgebaut wurde, die an den Universitäten für Unruhe sorgten.

An meiner Absicht, ein breites Wissen zu erwerben, hielt ich fest und habe ein Studium mit – aus heutiger Sicht – erstaunlich breitem Themenspektrum absolviert. Es reichte von der Finanzbuchhaltung für Betriebswirtschafter bis zu Vorlesungen über Literatur und Philosophie. Das wäre heute kaum noch möglich.

Das breite Wissen war und ist für mich nützlich, bis heute. Damals war es hilfreich für mein Mitwirken in der Kommission für Interdisziplinäre Veranstaltungen, wo ich eine eigene Ringvorlesung zum Thema «Neue sozialen Bewegungen und ihre gesellschaftlichen Wirkungen» organisieren konnte. Es war ein Versuch, Vorgänge und Umbrüche in der Gesellschaft in die wissenschaftliche Diskussion einzubringen. Erfreulicherweise werden manche dieser Beiträge noch heute zitiert.

Die Bedeutung der Interdisziplinarität und das Augenmerk auf Strömungen, die gesellschaftlich und politisch noch nicht verankert sind, wäre heute keine Pioniertat mehr. Hingegen droht das Denken anderswie beschränkt zu werden.

Die sozialen Medien befähigen uns in unerkanntem Mass Grenzen zu überschreiten, Informationen zu erschliessen und Personen eine Stimme zu verleihen, die sonst ausgeschlossen wären. Die sozialen Medien erlauben es auch, Informationen und somit Inhalte, mit denen wir konfrontiert werden, selber festzulegen. Damit entsteht die Gefahr, dass vieles, was zum Hinterfragen Anstoss gäbe, weggefiltert bleibt. Es ist das Risiko, in eine selbstreferentielle Welt zu geraten und uns letztlich in einer Gruppe von Gleichgesinnten in unseren Urteilen, Vorurteilen und Fehlurteilen zu bestätigen, ohne es zu merken. Das wäre dramatisch.

Noch dramatischer wäre es, wenn wir ein solches Schema aus der virtuellen in die reale Welt übertragen würden und wir auch dort nur noch sehen und hören, was unseren eigenen Stereotypen entspricht. Das ist keinesfalls eine Orwellsche Schreckensvision. Wenn an Hochschulen Personen nicht mehr auftreten können, weil sie für politisch nicht korrekt gehalten werden, wie ich es an amerikanischen wie Zürcher Hochschulen aus der Nähe und Ferne beobachtet habe, ist es schlecht bestellt um die Universität als offene, tolerante und rationale Stätte von Gebildeten.

Ich hatte das grosse Glück, bei Prof. Hansjörg Siegenthaler an der Schweizerischen Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eine Assistentenstelle zu erhalten, die meinen Neigungen und Vorstellungen grossartig entsprach. Dort lagen die Gegenstände der Forschung nicht im engen Korsett. Die Freiheit im wissenschaftlichen Denken war nicht von einer rigorosen Methodologie eingehegt. Ich benötigte kein Rahmenpflichtenheft, um meinen Platz am Institut zu behaupten. Und der intellektuelle Austausch über meine Dissertation war permanent. Ich wünsche allen an der Universität Zürich eine solche anregende Liberalität. Sie war allerdings auch ein Grund, das Studium nicht so rasch als möglich, wie ein Leistungssportler, zu durchlaufen.

 

Der Mittelbau: Rückgrat der Universität

Ich hatte nie die Absicht, eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Aber ich engagierte mich dort, wo ich war: als Student, als Assistent, später als Assistentenvertreter in der damaligen Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät und schliesslich im Vorstand und als Präsident des VAUZ, was mir die Möglichkeit gab, bereits früher einmal am Dies Academicus aufzutreten und dem damaligen streitbaren (und leider kürzlich verstorbenen) Erziehungsdirektor Alfred Gilgen ins Gewissen zu reden. Er war pikanterweise als Oberst im Generalstab damals zugleich einer meiner militärischen Vorgesetzten.

Der Einsatz für die Standesinteressen des Mittelbaus ist vielschichtig und anspruchsvoll. Der akademische Mittelbau ist eine wichtige, wenn auch wenig wahrgenommene Population an den Hochschulen. Das hängt sicher damit zusammen, dass der Mittelbau zahlenmässig kleiner ist als die Studierenden und sich auch nicht in der hierarchischen Höhenlage der Professoren bewegt. Es hängt aber auch mit der Verschiedenartigkeit der Aufgaben zusammen, die vom Mittelbau erfüllt werden und damit verbunden von den sehr unterschiedlichen Lebens- und Karriereentwürfen ihrer Angehörigen.

Es hat sich viel verändert seit meiner Zeit an der Universität. Damals war die Arbeit als Forscher und Lehrperson für viele Mittelbauangehörige eine langfristige Berufsperspektive. Sie, die (unbefristet angestellten) Wissenschaftlichen Mitarbeiter, waren das Rückgrat der Hochschulen. Diese gibt es, so höre ich, heute praktisch nicht mehr. Postdocs erfüllen diese Aufgaben.

Damals wie heute aber gibt es jene, die auf dem Weg zur Professur sind. Für sie ist der Mittelbau ein Etappenziel, das Wort «Mittel» hat nicht nur eine hierarchische, sondern auch eine zeitliche Dimension. Und schliesslich gibt es Leute wie mich, denen die Assistentenzeit einen spannenden Lebensabschnitt bescherte, bevor sie ihre berufliche Laufbahn an einem anderen Ort fortsetzen.

Im Mittelbau wird der Unterschied zwischen einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen besonders manifest. Zu meiner Zeit als VAUZ-Präsident war das vor allem das Verhältnis zwischen den Assistenzärztinnen und -ärzten und der übrigen Assistentenschaft. Weil alle diese Gruppen unterschiedliche Anliegen an die Universität haben, ist ihre Vertretung nicht einfach und widerspruchsfrei und erfordert diplomatisches Fingergeschick.

Ich kann mich noch bestens an die lebhaften Diskussionen im damaligen VAUZ-Vorstand erinnern, dem auch Serge Gaillard angehörte, der heutige Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, dem ich dann zwei Jahrzehnte später erneut gegenüber sass mit dem wenig erheiternden Vorhaben, über das Budget der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe des Bundes zu verhandeln.

Als ich kürzlich die Auswertung der Umfrage zur Arbeitszufriedenheit und zum Betreuungsverhältnis des VAUZ gelesen habe, ist mir bewusst geworden, wie ähnlich die brennenden Fragen geblieben sind, und dass ich wahrscheinlich ohne grosse Einarbeitungszeit wieder in das Amt des VAUZ-Präsidenten einsteigen könnte.

Als VAUZ-Präsident habe ich mich damals dagegen gewehrt, dass der Zürcher Regierungsrat verlangte, dass die Arbeit an der Dissertation ausserhalb des Beschäftigungsumfanges geleistet wird (obwohl die Dissertationen meistens Teile von Forschungsprojekten waren, für die Assistenten angestellt wurden). Ich glaube nicht, dass es zweckmässig ist, solche Belange mit Vorschriften zu regeln.

Nach vier Jahren als Verwaltungsdirektor des Eidgenössischen Departementes für auswärtige Angelegenheit ist meine Skepsis gegenüber administrativen Lösungen für inhaltliche Herausforderungen noch grösser geworden als sie es zur Zeit meines VAUZ-Präsidiums war. Zu unterschiedlich sind die Verhältnisse, zu aufwändig und oft zu unergiebig ist das Betreiben von Regelwerken. Am meisten bringen oft die Debatten und die daraus gewonnenen Erkenntnisse – und zwar nicht auf dem Papier, sondern in den Köpfen und den Beziehungen zwischen den Menschen.

Ich fand es immer wichtig, dass sich der akademische Mittelbau nicht auf Personalanliegen und Statusfragen beschränkt, also auf die sogenannten Standesinteressen, sondern umfassender seine Vorstellungen und Erfahrungen in die Diskussionen über die Zukunft der Universität einbringt. Mir jedenfalls war das immer ein sehr wichtiges Anliegen. Meine Grundüberzeugungen haben sich kaum verändert.  

 

Mit dem Denken Grenzen überschreiten

Was mich damals wie heute beschäftigt, ist das Abrücken vieler Universitäten vom Bildungsideal, wie ich es mir vorstelle: die Gefahr, dass Universitäten eines Tages Studierende nicht mehr bilden, sondern zu Trägern vorgegebener, abrufbarer Inhalte konfektionieren. Damit würde die Fähigkeit, kritisch zu denken verblassen und auch die Fähigkeit, mit dem Denken Grenzen zu überschreiten und ins Unbekannte vorzustossen.

Bildung ist mehr als Wissen. Bildung ist eine Eigenschaft von Menschen. Der gebildete Mensch steht im Mittelpunkt der Bildung. Möglicherweise hat er eine Datenbank und möglicherweise begreift er einen Algorithmus. Wenn er aber selber nur ein Datenträger ist oder wie ein Algorithmus funktioniert, ist er nicht gebildet. Das ist keineswegs das kulturpessimistische Raunen eines in die Jahre gekommenen Alumnus, sondern eine Erkenntnis, die ich bei meiner Arbeit als Diplomat immer wieder neu gewonnen habe.

Mit der verheissungsvollen Aussicht, alle vier Jahre den Arbeitsort und das Arbeitsgebiet zu wechseln, habe ich mich nach dem Studium schliesslich zur Aufnahmeprüfung für den diplomatischen Dienst gemeldet und bin Diplomat geworden. Es gibt an der Universität Zürich keinen speziellen Ausbildungsgang, um Diplomat zu werden, aber es gibt die Möglichkeit sich breit zu bilden, wie es für den Beruf der Diplomatie unerlässlich ist.

Beobachten und analysieren ist eine Kernaufgabe der Diplomatie. Bisweilen ist das nicht weit von einer wissenschaftlichen Tätigkeit entfernt. Es geht darum, Erscheinungen darzustellen, nachvollziehbar zu machen und zu erklären, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, punktuelle Beobachtungen in den grösseren Rahmen zu stellen und dabei Lösungen vorzubereiten. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass frühe Diplomaten auch einen grossen Einfluss auf die Entwicklung der Wissenschaften hatten.

Das Kommunizieren ist die zweite, faszinierende Rolle der Diplomatie. Es geht nicht um Unterhaltung und Small Talk an Cocktails, sondern darum, Wissen und Wahrnehmungen der Gesprächspartner und anderer Akteure aktiv zu beeinflussen. Denn Menschen handeln nicht auf Grund dessen was ist, sondern auf Grund dessen, was sie wissen oder zu wissen glauben. In diesem Bereich zu wirken, ist kreativer als die nüchterne Analysetätigkeit. Der grosse Diplomat und Sprachvirtuose Bismarck sagte einmal, dass die Politik keine Wissenschaft, sondern eine Kunst sei. Er hatte recht.

Die Breite des Wissens und die Art damit umzugehen, wie ich es an der Universität Zürich erlernt habe, haben mir in meiner späteren Laufbahn als Diplomat viel genützt. Bis heute. Wenn ich mir beim Aufstehen in der modernen Residenz in Washington am frühen Morgen die Tweets von Präsident Trump ansehe, kommt es in kurzer Abfolge zu vielen Perspektivenwechseln, bei denen nützlich ist, was ich einst über Semiotik und Semantik gelernt habe, dass ich den Unterschied zwischen Ikonografie und Ikonologie kenne und auch nutzen kann, wenn es nicht um Renaissancegemälde geht, sondern um kleine Textmitteilungen mit winzigen Fotos. Nützlich ist dann auch, dass ich ein Seminar in Kommunikationswissenschaft besuchte oder mich intensiv mit der Theorie der kognitiven Dissonanz auseinandersetzte, was im Angesicht der Tweets im Morgengrauen auch die Selbstreflexion erleichtert.

Die USA und die Schweiz haben vieles gemeinsam. Als ich Präsident Obama mein Beglaubigungsschreiben überreichte, hat er mich daran erinnert, dass unsere beiden Länder die ältesten Republiken auf dem Globus sind. Er tat dies mit den fast gleichen Worten wie hundert Jahre zuvor Präsident Woodrow Wilson (ohne den es das internationale Genf nicht geben würde) gegenüber einem meiner Vorgänger. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind dauerhaft und solide.

Trotz grosser Unterschiede haben beide Staaten gemeinsam, dass ihr Erfolg und ihre Prosperität auf Wissen beruht. Die USA und die Schweiz sind Wissensgesellschaften. Für keines der beiden Länder gibt es einen wichtigeren Rohstoff als die graue Materie in den Köpfen. Das gilt für die USA mit dem weiten, fruchtbaren Land und den grossen Rohstoffvorkommen ebenso wie für Zürich, dessen Stadtheilige bekanntlich ohne Kopf unterwegs sind.

Diese Grundlagen zu erhalten und kräftig zu fördern ist entscheidend, um zukunftsfähig zu bleiben. Das ist auch ein wichtiger Teil meiner Arbeit in Washington und der Arbeit anderer schweizerischer Vertretungen in den USA.

Die Universitäten sind nicht die einzigen Institutionen, wo Wissen entsteht. Doch die Universitäten und besonders auch der akademische Mittelbau sind entscheidend, dass Menschen mit Bildung heranwachsen: kritische, phantasievolle, intellektuell wendige und zukunftsfähige Geister. Das tut die Universität Zürich hervorragend.

Als Schweizer Botschafter in den Vereinigten Staaten war es ein Höhepunkt, als ich mit Rektor Hengartner vor zwei Jahren in Washington ein Uni Zürich Alumni Chapter ins Leben rufen konnte.

Ich beglückwünsche die Vereinigung Akademischer Mittelbau zum 50jährigen Jubiläum und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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Ambassador Martin Dahinden with the President of UZH Prof. Dr. Michael Hengartner at Dies Academicus Event at the University of Zurich, Switzerland
Ambassador Martin Dahinden with the President of UZH Prof. Dr. Michael Hengartner at Dies Academicus Event at the University of Zurich, Switzerland © UZH, Frank Brüederli