Der Schutz der ungarischen Juden 1944-1945: Carl Lutz und weitere Schweizer

Carl Lutz in Budapest 1944
Carl Lutz in Budapest 1944 © Carl Lutz Stiftung

Eine gemeinsame Aktion

Nach der deutschen Besetzung Ungarns im März 1944 wurden mehr als 430'000 Juden aus der Provinz in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Diplomaten neutraler Staaten (Spanien, Portugal, Heiliger Stuhl, Schweden und Schweiz) sowie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) trugen zusammen mit mehreren anderen Akteuren zum Schutz und zur Rettung der Juden in Budapest bei.

Sie stellten insbesondere verschiedene Arten von Schutzdokumenten aus und verteilten diese: Briefe, Pässe, Sammelpässe, etc. Ab November 1944 konnten sie zudem Juden in geschützten Häusern unterbringen, die unter diplomatischer Immunität standen. Mehr als die Hälfte dieser Häuser, die sich im „internationalen Ghetto“ befanden, standen unter Schweizer Schutz.

Diese Bemühungen trugen zur Rettung von etwa der Hälfte der Juden in Budapest – rund 120'000 Menschen – bei.

 

Die Besonderheiten der Schweizer Bemühungen: die Vertretung britischer Interessen und das IKRK

Der von den Schweizern gewährte Schutz in Ungarn wies zwei Besonderheiten auf, welche sein Ausmass erklären. Einerseits ermöglichte die Vertretung der Interessen des Vereinigten Königreichs die Schaffung eines Schutzmechanismus noch vor der deutschen Besetzung: die Organisation einer legalen jüdischen Auswanderung nach Palästina unter britischem Mandat. Dies situiert sich in einem weiteren Kontext der Schutzmachtmandate der Schweiz, welche die Interessen von insgesamt 14 Staaten – darunter die Vereinigten Staaten, Jugoslawien, Rumäninen und mehreren lateinamerikanischen Ländern – vertrat. Andererseits schützte das IKRK unter der Leitung des Delegierten Friedrich Born (1903–1963) insbesondere Kinder und Einrichtungen wie Heime und Krankenhäuser, darunter das unter dem Budaer Hügel gelegene Spital.

Auf der Grundlage des genannten Schutzmechanismus konnten Carl Lutz (1895–1975), Leiter der Abteilung für ausländische Interessen, und sein Team sowie Miklos Krausz und junge Zionisten die Schutzbemühungen erheblich ausweiten. Im Juli 1944 wurden Sammelpässe mit den Namen und Porträts von über 2'000 Juden ausgestellt, die nach Palästina auswandern sollten. Zur gleichen Zeit wurde in einem Industriegebäude, dem „Glashaus“, eine „Auswanderungsabteilung der Schweizer Gesandtschaft“ eröffnet. wo mehrere Tausend Juden Zuflucht fanden. Zehntausende Schutzbriefe wurden verteilt, aus denen hervorging, dass der Name ihres Inhabers in den Sammelpässen verzeichnet war. Juden unter Schweizer Schutz wurden in den geschützten Häusern des „internationalen Ghettos“ untergebracht.

In den letzten Kriegswochen beauftragte Carl Lutz seine neuen Mitarbeiter Peter Zürcher (1914–1975) und Ernst Vonrufs (1906–1972) damit, die Umsetzung der Schweizer Schutzmassnahmen sicherzustellen. Seine Ehefrau Gertrud (1911–1995), seine jeweiligen Vorgesetzten und der jüdische Widerstand unterstützten ihn aktiv. Harald Feller (1913–2003), sein letzter Vorgesetzter, versteckte Verfolgte in seinem Haus. Er wurde von Agenten des sowjetischen Geheimdienstes entführt und kehrte erst 1946 aus Moskau zurück.

All diese Personen sowie zwei Mitarbeiter des IKRK, Friedrich Born und Benedikt Brunschweiler (1910–1987), wurden mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

In Bern: ein Carl-Lutz-Saal im Bundeshaus

Im Jahr 2018 wurde ein Besprechungsraum des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten in Bern in „Carl-Lutz-Saal“ umbenannt. Dort ist eine Gedenktafel angebracht: „Dieser Saal ist allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Departements gewidmet, die wie Carl Lutz, Harald Feller, Gertrud Lutz-Fankhauser, Ernst Vonrufs und Peter Zürcher in den Jahren 1944–1945 in Budapest grosse Menschlichkeit bewiesen haben, die uns als Vorbild dienen soll.“

In Budapest: Wichtigste Gedenkstätten mit Bezug zur Schweiz

Das Glashaus (Vadász utca 29) ist heute als Museum für Besucher geöffnet. Es dokumentiert die Geschichte und die Aktivitäten von Carl Lutz und seinen Partnern. Die von der Zachor-Stiftung betriebene App IWalks bietet eine Führung durch das Glashaus an.

Das ehemalige Spital unterhalb des Budaer Hügels, das 1944 unter den Schutz des IKRK gestellt wurde, ist Teil des „Museums des Felsenspitals und des Atombunkers“.

Im 13. Bezirk wurde ein Quai in Carl-Lutz-Quai umbenannt. Ein kleines Denkmal wurde vor der US-Botschaft errichtet, wo Lutz seine Büros hatte.

Im 1. Bezirk zwischen der Kettenbrücke und der Elisabethbrücke wurde ebenfalls ein Quai umbenannt in Friedrich-Born-Quai. Die beiden Namensänderungen gehen auf eine Initiative der Carl-Lutz-Stiftung in Budapest zurück.

Das Carl-Lutz-Denkmal, ein Bronzewerk des Bildhauers Tamás Szabó, befindet sich in der Nähe eines der Eingänge zum ehemaligen grossen Ghetto von Budapest (Dob utca 10).

Im Innenhof der Synagoge (Dohány utca 2) im 7. Bezirk, der grössten Synagoge Europas, wurde eine Gedenktafel zu Ehren von Carl Lutz angebracht.

An der Andrássy-Universität findet eine Carl-Lutz-Vorlesungsreihe statt, die im Rahmen des 2. Schweizer Beitrags und in Zusammenarbeit mit der ungarischen Regierung unterstützt wird. Die Vorlesungsreihe konzentriert sich auf Themen der internationalen Politik und Diplomatie, mit einem besonderem Schwerpunkt auf Europa und der Schweiz.