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Risiko abschätzen, vorsorgen, Leben retten

Überschwemmungen in Deutschland, Hitzewellen in Indien, Dürren in Afrika – wie kann sich die Menschheit gegen die weltweit zunehmenden Katastrophen und deren Auswirkungen wappnen? An der «Global Platform for Disaster Risk Reduction in Bali, Indonesien» suchen Delegierte aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und die Zivilgesellschaft griffige Lösungen zur Minderung von Katastrophenrisiken. Eine «multi-stakeholder» Delegation aus der Schweiz ist mit dabei. Regina Gujan, Stv. Leiterin der Multilateralen Abteilung der Humanitären Hilfe und zuständig für Katastrophenvorsorge bei der DEZA, berichtet.

Mann in Mumbai in Indien stösst sein Fahrrad durchs Hochwasser.

Katastrophenvorsorge der Schweiz umfasst Massnahmen vor, während und nach einer Katastrophe. Mumbai, Indien © Keystone

Katastrophen im Zusammenhang mit dem Klimawandel nehmen weltweit zu. Allein im Jahr 2021 verursachten Extremwetterereignisse über 7’000 Todesopfer und mehr als 1,3 Millionen Menschen wurden vertrieben. Überschwemmungen, Brände, Hitzewellen und Dürren verursachten im letzten Jahr wirtschaftliche Schäden von rund 170 Milliarden US-Dollar – 20 Milliarden mehr als noch im Vorjahr. Gleichzeitig beläuft sich die Zahl der Todesopfer in Zusammenhang mit dem Coronavirus gemäss der WHO auf mehr als 6.2 Millionen.

Die Schweiz engagiert sich auf verschiedenen Ebenen und in diversen internationalen Gremien in der Früherkennung, der Prävention und in der Bewältigung von Katastrophen. Vom 23.5–28.5.2022 nimmt eine Schweizer Delegation mit Vertreterinnen und Vertretern aus verschiedenen Bundesämtern, der Zivilgesellschaft, der Wissenschaft und dem Privatsektor in Bali an der «Global Plattform for Disaster Risk Reduction, GPDRR» teil.

Drei Fragen an Regina Gujan

Portrait von Regina Guja
Regina Gujan, Stv. Leiterin der Multilateralen Abteilung der Humanitären Hilfe und zuständig für DRR bei der DEZA © R.G.

Frau Gujan, was kann die Schweiz zum GPDRR in Bali beitragen?

Als Bergland hat die Schweiz schon immer mit Naturgefahren gelebt. Sie verfügt über entsprechend viel Erfahrung und ein weltweit anerkanntes Know-how im DRR-Bereich. Fokus der Schweiz in Bali liegt vor allem auf der Katastrophenprävention und dem Risikomanagement. Wir gestalten die Prozesse auf verschiedenen Stufen aktiv mit, teilen unsere Erkenntnisse und lernen von anderen Teilnehmenden. Wir sind überzeugt, dass sich Katastrophenvorsorge sowohl finanziell, sozial als auch ökologisch auszahlt! Damit die Massnahmen erfolgreich sein können, müssen jedoch alle relevanten Akteure – auch die betroffene lokale Bevölkerung – von Anfang an in den Planungsprozess einbezogen werden.

Welche Rolle spielt die DRR bei den Aktivitäten der DEZA?

Katastrophenvorsorge ist eine Priorität in der IZA Strategie 2021-2024 und Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung sowie natürlich ein Schwerpunkt der Humanitären Hilfe.

Das Thema fliesst, zusammen mit Fragen rund um den Klimawandel, eigentlich in fast alle unsere Aktivitäten ein. So werden Projekte auf das mögliche Gefahrenpotenzial untersucht und die Aktivitäten werden so geplant, dass sie einen Beitrag zur Verringerung der Risiken leisten. Die DEZA arbeitet im DRR-Bereich eng mit den Bundesämtern für Umwelt und Bevölkerungsschutz, dem Staatssekretariat für Wirtschaft, der Meteo Schweiz sowie mit NGOs, dem Privatsektor, den Hochschulen, der Nationalen Plattform Naturgefahren und dem Lenkungsausschuss Intervention Naturgefahren zusammen. Wir geben unser gebündeltes Wissen an unsere Partnerländer weiter und nehmen Einfluss auf die internationalen Institutionen im DRR-Bereich.

Mit den heutigen Analyse-Methoden ist eine grosse Anzahl der humanitären Krisen sehr gut vorhersehbar. Die Schweiz unterstützt deshalb lokale Frühwarn- und Finanzierungs-Mechanismen, und fördert gezielte Schutzmassnahmen vor Ort.

Gibt es konkrete Beispiele?

Ja, Präventionsmassnahmen können natürlich ganz unterschiedlich aussehen. Das geht vom Bau von erdbebensicheren Schulen über Kartierung von Gefahrenzonen und Raumplanung bis zur Ausbildung von lokalen Fachleuten. In Indien zum Beispiel, da arbeiten Schweizer Expertinnen und Experten mit lokalen Institutionen zusammen bei der Analyse und Vorhersage von Erdrutschen, Sturzfluten und insbesondere klimabedingten Gletscherseeausbrüchen. Dafür werden zurzeit gemeinsam mit den lokalen Behörden Frühwarnsysteme eingerichtet und aufgebaut. Oder auf Haiti, in Jacmel, wo Mitglieder des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe haitianische Fachleute dabei unterstützt haben, Gefahrenkarten für Erdrutsche und Überschwemmungen zu erstellen.

Langfristige und gezielte Katastrophenvorsorge

Kein Land der Erde ist gefeit gegen die klimabedingte Zunahme von Katastrophen – weder reiche noch arme Länder. Die Auswirkungen sind jedoch in Entwicklungsländern viel ausgeprägter und können jahrzehntelange Entwicklungsfortschritte zunichtemachen. Arme Bevölkerungsgruppen leben häufig marginalisiert in Hochrisikogebieten. Ihnen fehlen die Ressourcen, um die negativen Auswirkungen von Naturgefahren durch konkrete Schutzmassnahmen abzuwenden. Auch mangelt es an Versicherungen oder Ersparnissen, um sich von Katastrophen zu erholen. Die Internationale Zusammenarbeit der Schweiz setzt auf langfristiges Engagement, bei dem die Stärkung der Institutionen, der menschlichen Ressourcen und der Infrastruktur des betroffenen Landes im Zentrum steht. Die beste Vorbeugung ist jedoch die Abschwächung des Klimawandels. Da die Auswirkungen des Klimawandels jedoch bereits spürbar sind und die Zeit drängt, ist eine wirksame Katastrophenvorsorge von grösster Bedeutung.

Die «Global Platform for Disaster Risk Reduction, GPDRR»

Die GPDRR ist die wichtigste internationale Konferenz im Bereich DRR. Sie wird jedes dritte Jahr an wechselnden Standorten abgehalten. Dieses Jahr in Bali, im Jahr 2019 fand sie unter dem gemeinsamen Vorsitz des UNO-Büros für Katastrophenvorsorge (UNDRR) und der Schweizer Regierung in Genf statt.

Das Forum basiert auf der Grundlage eines gemeinsam definierten Handlungsrahmens (Sendai Framework for Disaster Risk Reduction 2015-2030).

Der Fokus der diesjährigen GPDRR liegt auf der Vorbereitung der Halbzeitüberprüfung des Sendai-Rahmens und der Analyse der COVID-19-Pandemie in Bezug auf das traditionelle Verständnis der Risiko- und Katastrophenvorsorge. Die Teilnehmenden stellen sich auch die Frage, wie die globalen Krisen (Klima, Pandemie) als Chance für einen radikalen Wandel genutzt werden können. Dieser ist unerlässlich, um die Ziele und Vorgaben des Sendai-Rahmenwerks und der Agenda 2030 zu erreichen.

Sendai Rahmenwerk für Katastrophenvorsorge 2015–2030

Am 8.3.2015 haben Delegationen aus 187 Staaten, darunter die Schweiz, an der UNO Weltkonferenz zur Katastrophenvorsorge (WCDRR) in der japanischen Stadt Sendai ein neues internationales Rahmenwerk, das Sendai Framework for Disaster Risk Reduction (2015–2030), verabschiedet. Dieses löste den Hyogo-Aktionsrahmen ab, der den Zeitraum 2005–2015 abdeckte, und aktualisierte den Begriff der Katastrophenvorsorge.

Das nicht bindende Sendai Abkommen definiert bis 2030 die Schwerpunkte der Katastrophenvorsorge, wobei die Verantwortlichkeiten bei den einzelnen Staaten liegen. Die Schweiz hat bei der Ausarbeitung dieses Rahmenwerks eine wichtige Rolle gespielt.

Das Sendai Rahmenwerk definiert folgende vier Prioritäten:

  • Verstehen des Katastrophenrisikos; 
  • Stärkung der Katastrophenvorsorge zur Bewältigung des Katastrophenrisikos;
  • Investitionen in die Katastrophenvorsorge zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit und; 
  • Verbesserung der Vorbereitung bei Wiederherstellung, Rehabilitation und Wiederaufbau. 

IZA-Strategie 2021–2024

Die Katastrophenvorsorge der Schweiz ist ein thematischer Schwerpunkt der IZA-Strategie 2021–2024 und im Einklang mit:

  • Ziel 2, Umwelt: «den Klimawandel und dessen Auswirkungen bekämpfen sowie die natürlichen Ressourcen nachhaltig bewirtschaften» und
  • Ziel 3, Menschliche Entwicklung: «Leben retten, eine hochwertige Grundversorgung sicherstellen – namentlich Bildung und Gesundheit – sowie zur Verminderung der Ursachen von Flucht und irregulärer Migration beitragen».

Die Katastrophenvorsorge ist zudem einer der vier Schwerpunktbereiche der Humanitären Hilfe der Schweiz und Voraussetzung zur Erreichung mehrerer Ziele der Agenda 2030.