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URC2022: Vier Stimmen aus der italienischen Schweiz

Am 4. und 5. Juli 2022 findet in Lugano die Ukraine Recovery Conference (URC2022) statt, an der sich Vertreterinnen und Vertreter von Staaten und internationalen Organisationen mit dem Wiederaufbau der Ukraine befassen. Vier Persönlichkeiten aus der italienischen Schweiz äussern sich zur Bedeutung dieser Konferenz und ihrem eigenen Beitrag zum Frieden. Solidarität, Dialog und Austausch sind die Schlüsselwörter.

 Das Gebäude des Palazzo dei Congressi in Lugano, in dem die URC2022 stattfinden wird.

Der Bundespräsident dankte den Tessiner Behörden mehrfach für ihre Unterstützung der URC2022, die im Palazzo dei Congressi in Lugano stattfindet. © Città di Lugano

Porträt von Michele Foletti.
Der Stadtpräsident von Lugano Michele Foletti. © Città di Lugano

«Mit der Annahme des Vorschlags von Bundespräsident Ignazio Cassis, die URC2022 in Lugano auszurichten, engagiert sich auch unsere Stadt für eine verantwortungsvolle Politik zum Schutz der internationalen Stabilität», sagt der Stadtpräsident von Lugano, Michele Foletti. Es war schon lange vorgesehen, dass die Schweiz 2022 die fünfte Ukraine-Reformkonferenz organisiert. Nach dem Ausbruch des Krieges steht nun der Wiederaufbau im Mittelpunkt des Treffens im Tessin.

Die Bevölkerung von Lugano hat sich seit Beginn des Konflikts aktiv für die Aufnahme von Flüchtlingen und die Unterstützung des ukrainischen Volkes eingesetzt. «Die Kultur der Solidarität ist ein typisches Merkmal Luganos, wo Menschen mit 145 verschiedenen Nationalitäten leben, die jede für sich eine Bereicherung darstellen», so der Stadtpräsident. Er hofft, «dass die URC2022 zu einer ‹Erklärung von Lugano› führt, die als Kompass für den Wiederaufbau und die Entwicklung der Ukraine dient.»

 

Porträt von Cristina Elia
Cristina Elia, Leiterin Institutionelle Kommunikation bei der USI. © USI

Die Università della Svizzera italiana (USI) stellt ihre Räumlichkeiten auf dem Campus als Medienzentrum für die URC2022 zur Verfügung. Was bedeutet es, einen Beitrag zu einer solchen Veranstaltung zu leisten? «Es bedeutet, zu einem sehr wichtigen Zeitpunkt jene Institutionen konkret zu unterstützen, mit denen wir regelmässig zusammenarbeiten: EDA, Stadt Lugano und Kanton Tessin», sagt Cristina Elia, Leiterin Institutionelle Kommunikation der USI.

«Wir haben auf unserer Website Geschichten der Solidarität zwischen ukrainischen Studierenden, die vor dem Krieg geflohen sind, und Studierenden der USI, die sie aufgenommen haben, veröffentlicht. Aber auch Geschichten von Forschenden, die im Rahmen des Programms ‹Scholars at Risk› an unsere Universität gekommen sind», fährt sie fort. Einige Dozierende bieten ausserdem vertiefende Vorlesungen an, damit die Studierenden die Ereignisse besser verstehen. Die Tatsache, dass der Weg zum Wiederaufbau der Ukraine auch über die Tessiner Universität führt, erfüllt Studierende, Mitarbeitende und Dozierende mit Stolz. «Ich finde es wichtig, dass Lugano auch in der Schweizer Aussenpolitik als Ort des Dialogs und des Austauschs seinen Platz findet», betont Cristina Elia.

 

Porträtaufnahme von Olena T. mit zwei USI Studentin.
Olena T. (mitte) wurde im Tessin von einer USI-Studentin aufgenommen. © Olena

Im Fall von Olena T., einer ukrainischen Medizinstudentin der Staatlichen Medizinischen Universität Poltawa, steht der Austausch im Mittelpunkt. Im März führte sie die Flucht vor dem Krieg ins Tessin, wo sie bei zwei Studentinnen unterkam. «Als der Krieg begann, war es beängstigend, alles verlassen zu müssen und nicht zu wissen, was einen erwartet. Aber ich hatte mehr Angst, in der Ukraine zu bleiben, wo der Krieg immer noch andauert», sagt Olena T. Heute setzt sie ihr Studium an ihrer ukrainischen Universität online fort. «Ich hoffe von ganzem Herzen, dass ich mein Medizinstudium fortsetzen kann, auch wenn es sehr schwer ist, eine gewisse Kontinuität zu finden» erzählt sie.

Während der URC2022 in Lugano zu sein, löst starke Emotionen in ihr aus. «Ich hoffe, dass diese Konferenz, an der viele Länder teilnehmen werden, die Möglichkeit bietet, eine freie Ukraine nach dem Krieg wiederaufzubauen. Ganz allgemein hoffe ich, dass bald Frieden einkehrt, und zwar für alle».

 

Porträtaufnahme von Nicola Navone.
Nicola Navone, stellvertretender Direktor des Archivs der Moderne und Dozent an der Akademie für Architektur der USI. © Navone

In den Strassen von Lugano begegnen Olena T. Plakate, die Bauwerke in Odessa zeigen. Das verbindende Element ist die Tatsache, dass sie alle von Tessiner Architekten erbaut wurden. Auch hier begann die Suche nach den kulturellen Gemeinsamkeiten bereits vor dem Konflikt. Heute haben die Bilder eine noch stärkere symbolische Bedeutung. «Indem wir die Öffentlichkeit über das architektonische Erbe Odessas und den Beitrag der Tessiner Architekten informieren, wollen wir auch daran erinnern, dass uns das Schicksal der Stadt direkt betrifft, denn ihre Baugeschichte ist Teil unserer eigenen Geschichte», erklärt Professor Nicola Navone, stellvertretender Direktor des Archivs der Moderne der USI und einer der Kuratoren der Ausstellung.

Nicola Navone beschreibt Odessa als kosmopolitische Stadt, als Ort der Begegnungen und Treffpunkt der Kulturen. Die Plakate lassen uns in einen Teil der Geschichte Odessas eintauchen, der einen unmittelbaren Bezug zum Tessin hat. «Die auf den Plakaten dargestellten Bauwerke sind nur ein kleiner Teil dessen, was in Odessa von Tessiner Architekten entworfen und gebaut wurde», erklärt Professor Navone. Die Öffentlichkeit ist eingeladen, auf der Website, die das Archiv der Moderne aus diesem Anlass eingerichtet hat, mehr darüber zu erfahren. «Mit der Website wollen wir eine Plattform zur Erforschung der Werke von Tessiner Architekten in der Ukraine schaffen, die langfristig zur Verfügung steht.»