Eidgenössisches Departement für
auswärtige Angelegenheiten EDA

«Die Aufklärung hat uns gelehrt, alle Dinge ergebnisoffen anzuschauen»

Was treibt Menschen an? Welche Rolle spielt der Wohlstand bei der Bedürfnisbefriedigung? Und worin unterscheidet sich das Brexit-Abkommen von den bilateralen Beziehungen der Schweiz? Im Interview mit der NZZ nimmt Bundesrat Ignazio Cassis Stellung zu aktuellen Fragen und zeigt auf, wieso ein offenes Ohr und das Interesse an politischer und kultureller Vielfalt gerade in hitzigen Diskussionen von grosser Bedeutung sind.

18.01.2021
Fotomontage mit Ignazio Cassis, der in die Kamera schaut, und zwei Sprechblas-Icons mit Fragezeichen und Antwort zur Darstellung eines Interviews.

Bundesrat Ignazio Cassis spricht im Interview mit der NZZ über zunehmende Polarisierung, die Stärken der Schweiz und die Beziehung zu Europa. © EDA

Die Maslowsche Bedürfnishierarchie. Ein oftmals als Pyramide dargestelltes Modell zur Veranschaulichung menschlicher Sehnsüchte. Geht es in den unteren Stufen um Grundbedürfnisse wie Luft, Nahrung und Sicherheit, folgen weiter oben soziale, individuelle und kognitive Bausteine. Zuoberst steht die Selbstverwirklichung; die Möglichkeit seine individuelle Persönlichkeit zu entfalten.

Eine Entwicklung weg von kollektiver Sicherheit, hin zur individuellen Freiheit – eine Tendenz, die Bundesrat Ignazio Cassis auch im politischen Miteinander vermehrt erlebt, wie er in einem Interview mit der NZZ erläutert. «Es hat mit Selbstinszenierung und mit Individualisierung zu tun. Die Individualisierung wiederum ist eine Folge des Wohlstands. Wer arm ist, muss erst seine physiologischen Bedürfnisse befriedigen. Die Selbstverwirklichung ist nur im Wohlstand möglich», erklärt der Vorsteher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA).

Unus pro omnibus, omnes pro uno

Eine Verschiebung auf der Maslowsche Bedürfnishierarchie, welche man in der Schweiz unter anderem während COVID-19 beobachten konnte. «In welchem Ausmass sich die Pandemie auswirken wird, wissen wir wahrscheinlich noch gar nicht. Wenn sie sich nicht sehr stark auswirkt, könnte sich dieser Trend nach Individualisierung beschleunigen. Wenn Sie mit menschlichem Leid, mit Angst um die Zukunft, mit Einsamkeit verbunden ist, bewegt sich eine Mehrheit der Gesellschaft wieder zurück an den Fuss der Maslow-Pyramide. Das Bedürfnis nach Sicherheit ist grösser, die Menschen solidarisieren sich, rücken wieder zusammen», erklärt Ignazio Cassis.

Wenn Sie mit menschlichem Leid, mit Angst um die Zukunft, mit Einsamkeit verbunden ist, bewegt sich eine Mehrheit der Gesellschaft wieder zurück an den Fuss der Maslow-Pyramide.

Ganz nach dem Motto der Schweiz: unus pro omnibus, omnes pro uno. Einer für alle, alle für einen. «Wir haben gemerkt, dass wir die Schweiz nicht einzeln retten können. Wir müssen zusammenhalten.»

Die Angst, etwas Falsches zu sagen

Zusammenhalten bedeutet auch zusammenarbeiten, aufeinander zugehen, miteinander reden. Etwas, das mit verstärkter Individualisierung schwieriger wird, da gleichzeitig die Polarisierung zunimmt. Es gibt je länger je mehr nur noch eine korrekte Meinung. «Ich beobachte, dass viele Menschen das Gefühl haben, sie dürften nicht mehr sagen, was sie denken. Der Druck, nur noch das zu sagen, was genehm ist, ist gross. Die Meinungsvielfalt ist zwar in aller Munde, aber ich spüre eine zunehmende Hemmung, den Mut zu haben, auch anders zu denken», bedauert Ignazio Cassis.

Für den Vorsteher des EDA liegt die Stärke der Schweiz aber gerade in ihrem offenen Dialog und ihrer politischen und kulturellen Vielfalt. «Eine liberale Demokratie kann nur bestehen, wenn man sich offen auf die Argumente der Andersdenkenden einlässt. Die Aufklärung hat uns gelehrt, alle Dinge ergebnisoffen anzuschauen», ist Ignazio Cassis überzeugt.

Schweizer Interesse am EU-Binnenmarkt

Doppelstöcker Bus fährt in London am bekannten Oxford Circus vorbei, Menschen warten am Strassenrand.
Grossbritannien ist nicht die Schweiz: Im Interview mit der NZZ erklärt Bundesrat Ignazio Cassis unter anderem auch die Unterschiede zwischen Brexit und der Schweizer Beziehung zur EU. © Keystone

Ein kollektives Miteinanderreden ist gerade in hitzigen Debatten von grosser Bedeutung. So zum Beispiel beim Europa-Dossier. Die Schweiz, stolz auf ihre Geschichte und ihre Souveränität, pflegt seit jeher eine viel diskutierte Beziehung mit und zur Europäischen Union (EU). Dabei sei es wichtig, Ruhe zu bewahren und sachlich miteinander zu diskutieren, betont Ignazio Cassis.

Die Verhandlungen für tot zu erklären und nicht mehr miteinander zu sprechen sei selten eine gute Lösung, um zu einem für beide Seiten befriedigenden Ergebnis zu kommen. «Der Reset wurde von einigen als Shutdown missverstanden. Das sind zwei unterschiedliche Funktionen im Notebook. Es bleibt aber eine Tatsache, dass wir uns in den Gesprächen mit der EU finden oder nicht. Ich habe immer gesagt, dass der Bundesrat ein Abkommen nur unterzeichnet, wenn es für die Schweiz stimmt.»

Aber klar ist auch, für ein Land mit einer starken Exportwirtschaft spielen die europäischen Staaten eine zentrale Rolle. «Wir wollen weiterhin partiell am EU-Binnenmarkt teilnehmen. Und dafür ist ein Rahmenvertrag nötig», betont Bundesrat Cassis.

Viele Verhandlungen in einem schwierigen Umfeld

Die Teilnahme am EU-Binnenmarkt ist dann auch einer, der zentrale Unterschied zum neuen Handelsabkommen zwischen der EU und Grossbritannien. Zwar wird der Brexit gerne mit den Schweizer Verhandlungen gleichgesetzt, aber so einfach ist es nicht. «Man sollte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Grossbritannien hat keine partielle Integration in den EU-Binnenmarkt, wie wir es haben. Damit gibt es auch keine rechtliche Harmonisierung», erklärt Ignazio Cassis.

Auch wenn die Beziehungen Schweiz-EU und Grossbritannien-EU nicht vergleichbar sind, so freut sich die Schweiz, dass sich die beiden Parteien auf ein Brexit-Abkommen haben einigen können, auch wenn damit die eigentliche Arbeit erst beginnt. «Das Brexit-Handelsabkommen ist ein Deal der Eckwerte. Damit werden unzählige Arbeitsgruppen geschaffen, die in den nächsten Jahren genau das tun werden, was die Schweiz seit 1992 gemacht hat. Es ist der Beginn von vielen Verhandlungen, bei denen die beiden Seiten versuchen werden, Millimeter um Millimeter vorwärtszukommen.»

Man sollte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Grossbritannien hat keine partielle Integration in den EU-Binnenmarkt, wie wir es haben. Damit gibt es auch keine rechtliche Harmonisierung.

Gerade in politischen schwierigen Zeiten und in einem geopolitisch angespannten Klima ist eine faktenbasierte Auseinandersetzung wichtig. Miteinander reden, einander zuhören und zusammen auf eine gemeinsame Zukunft hinarbeiten, muss das Ziel aller Beteiligten sein. Politische Stabilität, gerade auch innerhalb der europäischen Länder, ist zentral, für den Wohlstand auf dem gesamten Kontinent.

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